Stille Post

M., F.,
ich weiß, ihr liebt mich. Ich war nicht gerade eine einfache Tochter, das gebe ich zu.
Aber ich bin keine Tochter.
Ich habe mich euch geöffnet. Habe gesagt, wer ich bin. Was ich bin. Nicht eure Tochter, sondern euer Kind. Während von einer Seite teilweise Akzeptanz zu spüren war, kommt von beiden Ignoranz.
Ich habe euch erzählt, dass ich nicht-binär bin, kam aber nicht weiter, weder bei dir beim Erzählen, M., noch bei dir im Verständnis, F.
Der Streit mit dir war sehr hässlich, besonders deine Worte, F. Warum hast du diese Dinge gesagt? Ich sehe nicht nicht-binär aus, aber es macht mich nicht weniger ein Enby als ich bin. Ich habe letzte Woche Schminke getragen, dazu Nagellack, die Kombi meiner Haarfarbe und dem Lippenstift war schrecklich, aber ich habe es geliebt! Ich habe mich so toll gefühlt… und du wirst es nie sehen, F.
M., tut mir leid, dass ich Nagellackentferner benutzt habe. Hättet ihr gesehen, dass ich Nagellack trage, wären sicher Sprüche gekommen, und dazu habe ich keine Kraft.
Ihr raubt sie mir jeden einzelnen Tag.
Die Kraft. Die Löffel. Die Energie.
Alles.
Dadurch habe ich auch keine Kraft mehr, mit euch zu reden oder euch zuzuhören.

Irgendwie hoffe ich, dass genau jetzt mich jemand heulen sieht, weil ich gerade die Kraft aufbringe, das alles zu schreiben, und wenn ich auf meine Tränen angesprochen werde, könnte ich es auch schaffen, das Geschriebene alles persönlich zu sagen…

Es tut mir so leid, dass ich es nicht schaffe, mit euch über die wichtigen Dinge in meinem Leben zu reden.
Aber ich werde mich garantiert nicht dafür entschuldigen, nicht-binär zu sein.
Das bin ich, und ich habe endlich zu mir gefunden, sage es euch und ihr lasst mich fühlen, als sei ich als Kind verstoßen von der Familie, die hier lebt. Ihr seht die Tochter in mir, die es nicht gibt.
Warum eigentlich verbietest du mir, mich bei meinen kleinen Geschwistern hier zu outen, M.? Es hat nichts mit Aufklärung zu tun, und du machst ein großes Geheimnis draus. Ich würde mich mit ihnen hinsetzen und mein Geschlecht erläutern und erklären und ihnen alle Fragen beantworten, die sie zu mir haben. Ich habe doch nicht vor, ihnen irgendwas über Sex und Genitalien zu erzählen, das ist auch nicht Sinn meines Outings.
Ich möchte ihnen eine andere Sichtweise geben, dass es nicht nur Frauen und Männer gibt (ich glaube tatsächlich, dass sie das schon verstanden haben, diese Binarität) und dass ich eben keine Frau bin, dass ich nicht mal ein Mann bin, sondern einfach ein Enby, non-binary, ein kleines nicht-binäres Wesen. Dass eins alles anziehen kann, was es will, Hosen, Kleider, Nagellack, Schminke, weite Hosen, Pullis, und es wäre immer noch ein Enby.
Ich musste übrigens erklären, dass es mir verboten wurde, meinem Bruder zu erzählen, was mit mir los ist. Ich habe so ein starkes Bedürfnis, ihm und meiner Schwester davon zu erzählen, es ihnen zu erklären, mich mit ihnen hinsetzen und alle Fragen beantworten…

Ich dreh mich im Kreis…

Ich habe euch gebeten, mich mit einem bestimmten Namen anzusprechen. Dass es ignoriert wird, macht es nicht besser. Das ist eine Untertreibung. Da mich aber bald die Kraft wieder verlässt, ist es ein erstes Anzeichen dafür, dass sie verschwindet.
Ich höre immer noch meinen nicht gemochten Namen. Und jedes Mal, wenn ihr ihn benutzt, raubt er nochmal ein Stück meiner Kraft.
So sehr, dass ich nur noch weinend vor meinem Laptop sitze, blind tippe und die Worte anstarre, die da entstehen. Währenddessen läuft ein Lied in Dauerschleife im Hintergrund, ich hab einen Ohrwurm davon und schon auf dem Rückweg von meiner Therapie heute habe ich es laufen lassen.

Ich komm vom Thema ab…

Es ist alles so anstrengend bei euch. Es war mit F. kein richtiges Gespräch, und jetzt tut ihr beide so, als hätten wir nie darüber gesprochen. Dabei wollte ich mich auch mit euch damit auseinander setzen. Solange ihr nicht den ersten Schritt macht, mich zu fragen, werde ich euch nichts richtig erzählen können. Solange ihr nicht den zweiten Schritt macht, mir zuzuhören, werde ich euch nicht richtig zuhören können.
Solange ihr nicht den großen Schritt macht, mich zu akzeptieren, nicht zu ignorieren und auch meine Pronomen, meinen Namen und eure Sprache dementsprechend anpasst, solange werde ich nicht richtig an euren Gesprächen teilnehmen können.
Es tut mir sehr leid für euch, dass ihr unbewusst eine Tochter verloren habt. Es ist euch auch nicht bewusst, aber ihr habt stattdessen ein Kind gewonnen.
Es tut mir leid, dass ich mich nicht erklären kann, weil ich keine Kraft habe.
Es tut mir nicht leid, dass ich nicht-binär bin.
Es tut mir nicht leid, dass ich mich zurückziehe und nicht an euren Gesprächen teilnehmen kann.
Ihr raubt mir einfach leider jede Kraft…

Ich liebe euch sehr. Aber ihr verletzt mich jeden Tag aufs Neue.
Ich hoffe, dass sich das irgendwann bessern kann, dass ich mich mitteilen kann, mir zugehört wird und ich nicht wieder ignoriert werde.
Vielleicht bringe ich eines Tages die Kraft auf, euch den Brief hier zu zeigen.
Oder wenn ihr das zufällig lest:
Ihr tut mir weh.